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Handwerk warnt: Bewerberlücke bei Lehrstellen wächst

Handwerkspräsident Otto Kentzler warnt im Interview mit der Rheinischen Post (3. Januar 2011) vor einem Fachkräftemangel. Er fordert die Handwerksbetriebe auf, ihre gut ausgebildeten Gesellen zu halten und nicht in andere Wirtschaftsbereiche abwandern zu lassen. Gleichzeitig soll die Werbung um Azubis intensiviert werden. „Die Bewerberlücke wächst von Jahr zu Jahr“, stellt Kentzler angesichts mindestens 7000 unbesetzter Lehrstellen im Handwerk fest.

Herr Kentzler, die deutsche Wirtschaft, auch das Handwerk, haben 2010 richtig Fahrt aufgenommen. Was erwarten Sie für 2011?

Kentzler: Das Jahr 2011 wird noch deutlich besser werden als 2010. Wir erwarten mindestens 25000 neue Stellen. Dass die Regierung die Konjunkturpakete Ende 2010 nicht einfach abrupt beendet, sondern alle bisher eingegangenen Aufträge im kommenden Jahr noch abgearbeitet werden können, gibt uns zusätzlichen Schub. Der eisige Winter hätte sonst einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Wie lange wird der Aufschwung anhalten?

Kentzler: Ich sehe gute Chancen für einen nachhaltigen Aufschwung, auch über 2011 hinaus. Viele gesellschaftliche Veränderungen sind nur mit dem Handwerk zu bewältigen. Beispielsweise die Alterung der Gesellschaft. Er braucht mehr und neue Dienstleistungen.

Wie werden die Arbeitnehmer davon profitieren? Haben wir ein Jahrzehnt der Arbeitnehmer vor uns?

Kentzler: Wenn Fachkräfte Mangelware werden, wirkt sich das automatisch auf die Löhne aus. Leistungen und Produkte unserer überwiegend kleinen und mittleren Betriebe müssen aber auch verkäuflich bleiben. Da brauchen die Tarifpartner Augenmaß.

Wie wollen Sie den Fachkräftemangel im Handwerk beheben?

Kentzler: Noch mehr Unternehmen müssen verstehen, dass nur über die eigene Ausbildung in Zukunft genügend Gesellen und Meister zur Verfügung stehen werden! Das Handwerk muss auch darum kämpfen, die guten jungen Fachkräfte, die von uns qualifiziert wurden, zu halten und nicht in andere Wirtschaftsbereiche abwandern zu lassen. Denn die Bewerberlücke bei den Auszubildenden wächst von Jahr zu Jahr: Uns fehlen laut Statistik der Handwerkskammern allein in diesem Winter über 7.000 Auszubildende!

Die Bundesagentur für Arbeit meldet 12.300 unversorgte Bewerber, denen 19.600 unbesetzte Lehrstellen in der Wirtschaft gegenüberstehen. In Wahrheit ist die Bewerberlücke noch größer, weil viele Handwerksbetriebe sich dort gar nicht melden.

Wie animieren Sie Frauen zu Handwerksberufen?

Kentzler: In den Betrieben sind sie längst auf dem Vormarsch. Jedes vierte Handwerksunternehmen wird von einer Frau gegründet. Unter den Meistern haben wir einen konstanten Frauenanteil von über 20 Prozent, bei den Lehrlingen liegt er bei 27 Prozent. Immer öfter übernehmen die Töchter den Familienbetrieb. Und die bringen schon in jungen Jahren viel Ideenreichtum und Gründerwissen mit.

Viele Betriebe klagen über die mangelnde Ausbildungsreife vieler Jugendlicher. Gibt es schon Verbesserungen?

Kentzler: Es wird langsam besser. Zum Beispiel sinkt von Jahr zu Jahr der Anteil der Jugendlichen eines Jahrgangs, der keinen Schulabschluss hat – aber gerade die Länder müssen hier noch effektiver nachhelfen. Meine persönliche Erfahrung ist: Wenn Schüler ein Praktikum in einem Handwerksbetrieb gemacht haben, werden sie hinterher oft deutlich besser in der Schule, weil sie verstanden haben, wofür sie lernen.

Was erwartet das Handwerk 2011 von der Politik?

Kentzler: Die Bundeskanzlerin hat uns die Zusage gegeben, dass Steuersenkungen in dieser Legislaturperiode auf der Agenda bleiben. Darauf verlassen wir uns. Wenn ich lese, dass wir 2014 wieder einen ausgeglichenen Bundeshaushalt haben werden, steht nachhaltigen Entlastungen der Bürger und Betriebe ja nichts entgegen. Auch wenn es nur in Schritten möglich ist: Wir müssen sicherstellen, dass von möglichen Lohnerhöhungen der Großteil in die Taschen unserer Mitarbeiter wandert – und nicht über die „kalte Progression“ in den Staatssäckel.

Für unsere kleinen und mittleren Betriebe ist auch die Beibehaltung der so genannten Ist-Besteuerung wichtig. Das bedeutet: Betriebe, die weniger als 500.000 Euro im Jahr umsetzen, brauchen die Umsatzsteuer erst dann abführen, wenn ihr Auftraggeber die Rechnung bezahlt hat. Das bringt die dringend benötigte Liquidität im Aufschwung!

Es ist gerade im Bereich der Orthopädietechnik notwendig, gute Mitarbeiter zu halten, Gesellen zu fördern und die Ausbildung von angehenden Fachkräften in der Orthopädie zu unterstützen.

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